RAUSGEHEN l MACHEN l ZEIGEN - Wie junge Menschen die Landwirtschaft von morgen gestalten
Die Landwirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel – und mittendrin: eine Generation junger Menschen, die anpackt, hinterfragt und neu denkt. Beim Austausch mit Landwirt Carsten Thies-Mackeprang, Oberbürgermeister Alexander Badrow und engagierten Jugendlichen wurde deutlich: Die Zukunft der Landwirtschaft ist längst kein abstraktes Thema mehr, sondern gelebte Realität.
Zwischen Leidenschaft und Verantwortung
„Ackerbau ist unsere Leidenschaft“, sagt Thies-Mackeprang – und meint damit nicht nur Tradition, sondern auch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Steigende Energiepreise, schwankende Märkte und der Klimawandel verlangen den Betrieben viel ab. Planungssicherheit? Fehlanzeige. „Wir können oft nur noch von Woche zu Woche denken.“
Und trotzdem wird investiert: in neue Maschinen, in nachhaltige Energiequellen wie Windkraft oder Biogasanlagen – und vor allem in Wissen. Denn moderne Landwirtschaft ist längst Hightech.
Vom Bauchgefühl zur Datenbasis
Ein Blick in die Praxis zeigt, wie stark sich die Arbeit verändert hat: Drohnen vermessen Felder, analysieren Pflanzenbestände und liefern präzise Daten. „Früher war vieles Bauchgefühl. Heute können wir genau sagen: wo, wann und wie viel gedüngt werden muss – ganz gezielt statt nach dem Gießkannenprinzip“, erklärt der Landwirt, der seit 1998 mehr als 1.000 Hektar Land bewirtschaftet.
Künstliche Intelligenz geht noch einen Schritt weiter: Sie erkennt Krankheiten, bevor sie sichtbar werden, berechnet den optimalen Düngebedarf und hilft, Ressourcen zu sparen. „Wenn wir genügend Daten haben, ist KI ein echtes Werkzeug“, so Thies-Mackeprang. Ein Beispiel: Während früher Saatgut relativ ungenau ausgebracht wurde, kann es jetzt zentimetergenau – etwa in 2,5 cm Tiefe – platziert werden.
Junge Menschen bringen neue Ideen
Besonders deutlich wurde beim Treffen mit dem Oberbürgermeister: Die junge Generation ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sohn Michel (21) etwa steht kurz vor seinem Agrarstudium und will danach zurück auf den Hof. Für ihn ist klar: Landwirtschaft ist Zukunft.
Auch Tochter Stine (19), nach der landwirtschaftlichen Lehre möchte sie ebenfalls ins Agrarstudium, engagiert sich - mit viel Enthusiasmus: „Ich habe Lust, dass wir als Jugendliche etwas zusammen bewegen. Wir wollen gemeinsam Dinge machen und zeigen, was auf dem Land möglich ist.“
Doch der Weg in bestehende Strukturen ist nicht immer einfach. Es fehlt oft an lokalen Vereinen oder passenden Anknüpfungspunkten. „Viele sind schon aktiv – aber eben ohne festen Verein, eher lose organisiert“, wird deutlich. Große Verbände wirken für manche zu unübersichtlich oder zu weit weg vom eigenen Alltag.
In welche Richtung Tochter Emmi (16) gehen wird, das ist noch offen - sie geht noch zur Schule. Bei ihr steht momentan erstmal der Treckerführerschein auf dem Programm.
Neue Formen von Engagement entstehen
Genau hier entstehen neue Ideen: eigene Gruppen, kleinere Initiativen, direktere Vernetzung. Eben: „Jugend vom Lande“! Ziel ist es, unkompliziert zusammenzukommen, Projekte zu starten und sich gegenseitig zu unterstützen.
Konkrete Beispiele gibt es bereits: gemeinsame Aktionen auf Höfen, Organisation von Veranstaltungen oder einfach das Teilen von Wissen über Social Media. „Wir fahren auf den Acker“ – dieser Satz steht sinnbildlich für das neue Selbstverständnis: rausgehen, machen, zeigen.
"Landwirtschaft ist enorm wichtig für unsere Region"
Oberbürgermeister Alexander Badrow betont die zentrale Rolle der Landwirtschaft für die Region: „Die Landwirtschaft ist ein tragender Bestandteil unserer regionalen Wertschöpfung und prägt die Flächennutzung rund um Stralsund sowie auf Rügen und Hiddensee maßgeblich. Hier pachten und bewirtschaften über 60 landwirtschaftliche Betriebe städtische Flächen – darunter allein rund 5.000 Hektar Ackerland. Diese Betriebe sichern nicht nur die Versorgung, sondern erhalten auch die Kulturlandschaft und schaffen Arbeitsplätze. Unser Ziel ist es, die Leistungen der Landwirtschaft mehr als bisher sichtbar zu machen und insbesondere jungen Menschen konkrete berufliche Perspektiven in diesem Bereich zu eröffnen. Die Stadt unterstützt ihre landwirtschaftlichen Pächter dabei gezielt und verlässlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.“
Zwischen Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit
Die Anforderungen steigen weiter: CO₂-Reduktion, neue gesetzliche Vorgaben, Flächenmanagement. Projekte zur Wiedervernässung oder neue Nutzungskonzepte zeigen, wie komplex die Aufgaben geworden sind.
Gleichzeitig müssen Betriebe wirtschaftlich bleiben. „Wir produzieren zu Weltmarktpreisen, haben aber ganz andere Kosten“, so Thies-Mackeprang. Die Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen – etwa durch Energieproduktion oder neue Betriebszweige – wird immer wichtiger.
Blick nach vorn
Trotz aller Herausforderungen bleibt der Optimismus spürbar. „Ich setze auf unsere Jugend. Sie wird vieles anders machen müssen als wir - aber das birgt auch immer neue Chancen", sagt Carsten Thies-Mackeprang. Und Stine bringt es auf den Punkt: „Wir wollen nicht nur reden – wir wollen einfach anfangen.“
Fazit
Die Landwirtschaft der Zukunft entsteht dort, wo Erfahrung auf neue Ideen trifft. Wo Drohnen über Felder fliegen und Jugendliche gemeinsam Projekte starten. Wo Tradition nicht stehen bleibt, sondern sich weiterentwickelt.
Oder, wie es Carsten Thies-Mackeprang formuliert: „Wir müssen zeigen, was wir können.“